slow Watches:
Eine gute Geschichte braucht Zeit

slow Jo
slow Jo

Praxis.


Seit ein paar Jahren hätte ich gerne eine Uhr von Meistersinger. Ein Zeiger, ein Tag. Mir reicht das und zu mir passt das. Ich habe ja auch noch ein Smartphone in der Hosentasche. Mir stand immer der Preis und auch ein wenig die Optik im Weg. Durch Zufall – Werbung wirkt anscheinend doch, wenn sie zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist – sah ich auf Facebook die Werbung von slow Watches. Schicke Einzeiger-Uhren, die ich mir sogar leisten können wollen würde? Und wer steckt dahinter?

Ich las die Seite, recherchierte, suchte andere Hersteller von Einzeiger-Uhren (zum Beispiel Botta oder Neuhaus), verglich die Qualität, die Preise, die Materialien und verbauten Uhrwerke. Eine Einzeiger-Uhr? Passt das wirklich zu einem Pedanten wie mir?

Ich schrieb slow und fragte, ob sie mir ein Testgerät zur Verfügung stellen, da mich ihre Geschichte reizt und ich mich mit dem Thema mehr auseinander setzen wollte. Mein subjektiver Eindruck zur Uhr und dem Service findest Du kurz und knapp weiter unten. Hier geht es um Geschichtenerzählen.

h2>Storycheck: Lebensgeschichte, Lebenseinstellung, Lebenszeit

Als ich mich mit der Marke auseinander setzte, fiel mir auf, wie schlüssig sich slow präsentierte und welch zentralen Stellenwert das Storytelling (bewusst oder unbewusst) in der Markenkommunikation einnahm.

Da sind ein paar Leute aus der Uhrenbranche, die viel arbeiteten und sich gefühlt im Hamsterrad drehten. Ein paar Leute, die im Sinne ihrer eigenen Lebensqualität entschieden, auszusteigen und ihrem Leben einen anderen Sinn zu verleihen. Eine persönliche Entscheidung, die ihr bisheriges Leben durcheinanderwirbelte. Inciting Incident nennen Drehbuchschreiber diesen Moment, der in den meisten Fällen jedoch unmittelbar von außen kommt (ein Unfall beispielsweise, ein Angriff von Außerirdischen oder Gandalf, der auf einmal vor der Tür steht).

Die Geschichte geht weiter, die Gründer tun sich zusammen und bringen eine Uhr auf den Markt. Und das, wo doch ein Zeitmesser wie kaum etwas anderes (ein Kalender vielleicht noch) für den Druck des Alltags, das Hetzen nach Statussymbolen und Memento mori steht?

Sie verfolgen ihr Ziel, mit einem Produkt ausreichend Geld zu verdienen, um sich mehr Zeit für die wichtigen Dinge ihres Lebens zu nehmen. Dafür wählen sie ausgerechnet ein Produkt, welches sich ein Stück weit gegen die vorherrschenden Konventionen richtet. Sie verzichten auf ein massetaugliches Produkt, nehmen Erklärungsbedürftigkeit in Kauf und riskieren damit weniger Umsatz. Sie wählen – nach eigenen Worten – den Direktvertrieb, um die Uhr preiswert und ohne Zwischenhändler zu vertreiben. Eine kluge Strategie, weltbekannt (oder mir auf die Schnelle bekannt) ist damit eigentlich nur Dell geworden. Hut ab! Rein monetären Erfolg hätten sie auch einfacher haben können.

Sie drehen also mit ihrer slow Jo den Spieß herum und machen aus der Uhr ein Anti-Status-Symbol für Hamsterradler und ein Status-Symbol für diejenigen, die über Zeit anders denken und sehen (wollen), dass der Tag für jeden 24 Stunden hat. Eine Uhr für diejenigen, die unter Status verstehen, sich Zeit zu nehmen. Ob sie mit diesem Schritt zu den Vorreitern einer neuen Lebenseinstellung gehören oder eine Nische für Andersdenkende besetzen, wird die (entschuldige das Wortspiel) Zeit zeigen. Auf meine Frage, welche meiner 95 Storytelling-Thesen ihnen am besten gefielen, wählte Chris von slow Watches und ohne den Artikel zu kennen These 42 aus:

Menschen fühlen sich verbunden, weil sie aus Geschichten ihre Kultur formen

Die richtige Einstellung haben sie!

Reibung erzeugt Energie

Damit es nicht nur zwischen den Zeilen steht: Ich mag die Marke, sie spricht mir aus der Seele.

Aus der Perspektive des Storytellings wünsche ich mir für die Zukunft, dass das Team mehr über die Widerstände (Ansätze finden sich im Bericht über ihre Tour) spricht und schreibt, die ihnen im Weg liegen. Sie sind kein alteingesessenes Unternehmen mit einer unverwechselbaren Historie und einem Mythos, der als Gesprächsstoff immer wieder aufgewärmt werden kann und immer wieder aufs Neue bewiesen werden muss. Sie haben sich für einen spannenden Weg entschieden, der sicher nicht immer einfach ist. Warum nicht davon erzählen? Startups haben einen Vorteil gegenüber alten Hasen im Geschäft: Sie können viel schneller und einfacher zum Vorbild für andere werden, da ihre Aussagen sich unmittelbar in ihren Handlungen ausdrücken – man hält noch den eigenen Kopf und nicht nur das Markenlogo hin.

Themen gibt es sicherlich genug

Wie ist denn nun so eine slow Uhr?

Auf meinen Wunsch hin hat mir slow die slow Jo mit schwarzem Ziffernblatt und Stahlarmband zugeschickt. Die Verpackung ist schick, man bewertet „Bücher eben doch nach ihrem Cover“. Die Uhr ist wirklich toll verarbeitet: Sei es das entspiegelte Mineralglas, das aus einem Stück gefertigte Gehäuse – slow nennt das Toploader-Konstruktion – oder das angenehm feingliedrige Armband.

Großen Respekt verdient der Mut, nur auf der Rückseite das Markenlogo anzubringen, denn von außen ist für den „Unwissenden“ schlichtweg nicht (oder kaum) erkennbar, welcher Hersteller dahinter steckt. Lediglich auf der Krone findet sich das „Slow-forward“-Symbol als Gestaltungselement. Solch einen Schritt trauen sich in der Regel nur die wirklich großen Designer und Manufakturen, die wissen, dass ihre Produkte bei denjenigen, die sie sich leisten können und wollen, bekannt sind. Ein Logo als Status- oder hier besser Lebenseinstellungsbeweis? Nicht nötig. Ein Zeiger spricht genug für sich.

Der Kaufpreis meiner Uhr liegt derzeit bei 260.- Euro. Die günstigste slow Jo kostet 220.- Euro. Bei allen Modellen sind die Versandkosten inklusive. Richtig viel Ahnung von Uhren habe ich nicht. Wenn ich mich aber im Kollegenkreis umschaue, dann kann die Uhr in Bezug auf die Verarbeitung locker mit Uhren mithalten, die 100-150 Euro mehr kosten.

Der Service ist persönlich, fast freundschaftlich. Sie nennen das „Kick Ass Service“ und haben Recht damit. Sie wollen die Meinung der Kunden hören und so wie ich es einschätzen kann, hören sie auch zu. So sollten sich Marken im Jahr 2013 anfühlen!

Disclaimer

Für diesen Artikel hat mir slow großartiger Weise ein Testgerät zur Verfügung gestellt, welches ich slow abgekauft habe.

Und sonst

Danke:
slow und besonders Chris für den tollen Kontakt!

Wo dieser Text geschrieben wurde:
Lennep



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